Gedanken aus dem Raum der Wünsche


Vor ein paar Wochen, an einem Sonntagmorgen, war ich wählen.
Ja, dies wird eine politische Meinungsäußerung – du bist gewarnt!
Am Sonntagmorgen war ich wählen und am Abend sah ich die ersten Prognosen, Hochrechnungen und schließlich das Ergebnis. Obwohl ich zu der Zeit nur beschränkten Zugang zum Internet hatte konnte ich auf Facebook verfolgen, wie ein Politik-Post dem nächsten folgte. Darunter ein Meme, das mich besonders ansprach: „Ich bin dann mal im Raum der Wünsche und übe Verteidigung gegen die Dunklen Künste“ - und plötzlich war ich auch dort.

Du kennst den Raum der Wünsche nicht?
Ich erklär's dir. Der Raum der Wünsche ist ein Raum in Hogwarts, der Schule für Hexerei und Zauberei, an der auch ein gewisser Harry Potter sein Zauberhandwerk erlernte. Es ist aber nicht irgendein Zimmer, nein, der Raum der Wünsche kann überall erscheinen und ganz unterschiedlich aussehen. Wenn du zum Beispiel gaaanz dringend aufs Klo musst, dann kann es sein, dass sich neben dir eine Tür auftut und du in ein richtig schönes Bad geführt wirst.
Für Harry und seine Mitschüler wurde der Raum der Wünsche zum einzigen Ort in Hogwarts in dem sie Verteidigung gegen die Dunklen Künste lernen konnten, nachdem das Ministerium ihnen eine unfähige Lehrerin vorgesetzt hatte.
Mein Raum der Wünsch ist jedoch ein Ort zum Nachdenken geworden, ein Refugium, in dem ich meine Welt sortiere. Eine Partei mit zweifelhaften Gedankengut hält Einzug, manche sind sehr angetan von deren Ideologie, andere denken, es wird Zeit, dass mal was passiert, wieder andere empfinden das ganze wohl als gute Idee.
Die Gedankenbrücke zu Harry Potter ist nicht ganz unbeabsichtigt. Die Todesser mit ihrem Wahn nach reinem Blut, Voldemort als ihr (An)Führer, der vielen Zauberern erst sehr charmant vorkommt und gute Ideen vorträgt. Als er sein wahres Gesicht zeigt ist es zu spät, die Welt versinkt bereits im Krieg. Muggelstämmige, Schlammblüter werden gejagt und getötet. Kommt Euch bekannt vor, oder? Mir auch. So sitze ich nun in meinem kleinen Raum der Wünsche, denke nach und um mich kreist die Frage:

Was kann ich tun?

Auf einer Schiefertafel in der Ecke beginnt ein Stück weiße Kreide die Nachrichten zu schreiben: Demonstrationen in der Hauptstadt – und ich weiß, mindestens zwei meiner Freunde sind dort. Sie laufen und rufen, schreien gegen die Ungerechtigkeit an, verkünden ihre Meinung. Gedanklich bin ich bei ihnen, hoffe, dass nichts passiert, doch die Demonstrationen bleiben friedlich. Ich bin weit weg von der Hauptstadt, nicht nur geografisch gesehen. Mein Raum der Wünsche existiert in einer ganz anderen Dimension.
Ich denke an die Freundin meiner Omi, die ich besuchte, als vor ein paar Jahren die Unruhen in Freital hochkochten. Damals hatte sie meine Hand genommen und gesagt „Ich habe Angst, dass wieder ein Weltkrieg losbricht. Ich will das nicht noch mal erleben!“ Ihre Worte hallen in meinen Ohren wieder und ich muss weinen. Trauer und Wut vermischen sich und in großen Buchstaben schreibe ich an die Wand:

Was kann ich tun?

Am nächsten Morgen wache ich auf und gehe meiner Arbeit nach, doch mein Geist bleibt im Raum der Wünsche und grübelt. Im Kaminfeuer erscheint meine Verlagsfee Melli, erzählt mir, dass besonders in unserer Heimat ein Großteil der Bevölkerung für diese Partei gestimmt hat. Es dreht mir den Magen um, doch zum ersten Mal spreche ich die Frage laut aus: Was kann ich tun? Was können wir machen, um das zu ändern?
Plötzlich bin ich nicht mehr allein in meinem Raum der Wünsche. Obwohl alle meine Freunde kilometerweit entfernt wohnen, stehen sie jetzt neben mir. Der kleine Raum wird größer, er passt sich unseren Ideen an und unsere Stimmen hallen von den Wänden wieder. Jeder schreibt Vorschläge an die Wand und plötzlich leuchtet die Lösung ganz klar hervor!

Ich bin Verlegerin von Phantastik-Literatur, ich bin Herausgeberin von Anthologien und Autorin von Büchern. Ich kann schreiben und ich glaube daran, dass die Feder stärker ist als das Schwert.
Doch ich will nichts gegen diese Partei schreiben, ihr merkt, ich habe ihren Namen nicht erwähnt, wozu auch, jeder weiß, wer gemeint ist. Aber etwas gegen diese Leute zu schreiben würde nur heißen, ihnen den Wind zu geben, den ihre Segel so dringend brauchen. Aber diesen Wind verweigere ich ihnen! Ich schreibe nicht gegen sie, nein, ich mache es umgekehrt, ich schreibe für diejenigen, die von dieser Partei gehasst werden!
Anderen die Schuld an allem geben ist ihr Motto, Unwissenheit und Ängste der Leute schüren können sie gut. Doch ich halte dagegen mit Aufklärung! „Die Anderen“, also diejenigen, die an allem Schuld sind, das sind Leute, die auch nur ein kleines bisschen von dem abweichen, was im allgemeinen als „normal“ bezeichnet wird (als ob irgendwer wüsste, was normal ist!). Ganz vorne auf der Liste „Der Anderen“ stehen natürlich „Die Ausländer“, Leute die einfach herkommen und den Einheimischen die Arbeit klauen und die Frauen belästigen. Gleich nach den „Den Ausländern“ kommen „Die Schwulen“ und „Die Transen“, ferner finden auch „Die Intellektuellen“ oder „die Selbstständigen Frauen“ ihren Weg auf diese Liste.

Mit Worten können wir dagegen ankämpfen, wir können in unseren Geschichten zeigen, dass es nicht schlimm ist, anders zu sein. Und ganz unwissentlich (und viele Monate vor der Wahl) habe ich schon einen Schritt in diese Richtung getan. Unserer Anthologie „Steampunk Akte Asien“ wird bald die „Steampunk Akte Dāras-Salām“ folgen, die sich mit Geschichten aus Nahost beschäftigen wird.
Die Geschichten von Fay Winterbergs New-Steampunk-Age-Reihe spielen in der Zukunft. Im Jahr 2207 leben nicht nur Vampire und Menschen Tür an Tür, sondern auch LGBT und Heteros. Starke Frauen sind sowieso immer ein Thema, dem ich mich mit Leidenschaft widme, und so ist es nicht verwunderlich, dass sich in den meisten Büchern meines Verlages solche finden lassen. Sei es die Qualmfee Marie, die Erasmus Emmerich immer wieder darin hindert, sich selbst in Schwierigkeiten zu bringen (mal mehr oder weniger erfolgreich), die jüdische Mechanikerin Sarah Goldberg, die mit ihrem Begleiter Archibald Leach über vier Kontinente hinweg gegen Sklaverei und andere Verbrechen kämpft, oder die schlagfertige Thailänderin Gann, die sich im viktorianischen London durchlägt und dem Earl von Gaudibert hilft, seine Wette zu gewinnen.

Die Tür zum Raum der Wünsche öffnet sich. Ich habe meine Lösung gefunden und schreite hinaus. Hinter mir schließt sich die Tür und verschwindet in der Wand. Jemand anderes braucht den Raum jetzt.

Worte haben Macht! Worte können die Welt verändern! Und jeder Autor kann dabei helfen, wir alle können aufklären, wir alle können zeigen, dass es nicht schlimm ist, anders zu sein.

Helft mit!

Danke